St. Leonhard, den 27. Juli 2007


NEUE ODER ALTE MESSE?

Es war ja wohl nur mehr eine Frage der Zeit, bis von Rom auch die letzten Reste des konziliaren Aufbruchs „entsorgt“ werden. So war es eigentlich keine große Überraschung, dass nach den Medienberichten der Papst eine allgemeine Zulassung der sogenannten „tridentinischen Messe“, also jener Gestaltung der Messfeier, die bis zur Konzilsreform vor vierzig Jahren vorgeschrieben war, gestattet. Wie auch immer diese Zulassung formuliert sein mag, sie steht auf jeden Fall im offenen Widerspruch zu den Bestimmungen , die am Konzil erlassen wurden, was übrigens schon für die begrenzte Zulassung dieser Form durch Johannes Paul II. für konservative Gruppierungen gegolten hat. Denn dem Konzil ging es nicht um einen Bruch mit der jahrhundertealten Tradition, sondern vielmehr um eine Erneuerung der überkommenen Form in Rückbesinnung auf die ursprüngliche Tradition. Bezüglich der Grundstruktur der Messe wurde verfügt: „Der Meß-Ordo soll so überarbeitet werden, dass der eigentliche Sinn der einzelnen Teile und ihr wechselseitiger Zusammenhang deutlicher hervortreten und so die fromme und tätige Teilnahme der Gläubigen erleichtert werde. Deshalb sollen die Riten unter treulicher Wahrung ihrer Substanz einfacher werden. Was im Laufe der Zeit verdoppelt oder weniger glücklich eingefügt wurde, soll wegfallen. Einiges dagegen, was durch die Ungunst der Zeit verlorengegangen ist, soll, soweit es angebracht oder nötig erscheint, nach der altehrwürdigen Norm der Väter wiederhergestellt werden“ (Lit. Konst. Art. 50). Die erneuerte Form der Messe ist daher keine „neue Messe“, sondern entspricht in weitaus höherem Maße der Tradition als die vorkonziliare Form, nämlich der Tradition der Kirche der ersten Jahrhunderte. Man hat bewusst diese Traditionen wieder aufgegriffen und Veränderungen, die im Mittelalter weniger glücklich erfolgt sind, beseitigt.

Die bedeutendste Veränderung betrifft sicher die Leseordnung des Wortgottesdienstes, insofern an die Stelle weniger und jedes Jahr wiederkehrender Texte eine Fülle an Schriftlesungen getreten ist, die den Reichtum der Heiligen Schrift erst wieder zugänglich gemacht hat: „Innerhalb einer bestimmten Anzahl von Jahren sollen die wichtigsten Teile der Heiligen Schrift dem Volk vorgetragen werden“ (Art. 51). Was soll an einer derartigen Änderung schlecht sein?
Eine weitere tiefgreifende Veränderung betrifft die Sprache im Gottesdienst. Das Konzil und die nachkonziliare Reform haben die Verwendung der jeweiligen Volkssprache erlaubt, ohne die lateinische Sprache zu verbieten. Nur muss sich jeder Latein-Fetischist schon fragen lassen, welchen Sinn und welche Aufgabe die Sprache hat, sie will doch etwas mitteilen und das Mitgeteilte soll auch aufgenommen, d. h. verstanden werden. Man lese nur, was Paulus im 2. Kor. 14,10f. über die Sprache sagt: „Es gibt wer weiß wie viele Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache. Wenn ich nun den Sinn der Laute nicht kenne, bin ich für den Sprecher ein Fremder, wie der Sprecher für mich“. Bis zum Ende des Mittelalters war Latein die Sprache der Gebildeten, ihre Verwendung bedeutete für sie kein besonderes Problem und um die einfachen Leute kümmerte man sich nicht, zumal der Gottesdienst ausschließliche Angelegenheit des Klerus war. Für uns aber wie auch für die Kirche der ersten Jahrhunderte ist Gottesdienst die Sache der ganzen Gemeinde, was natürlich den konservativen Kreisen ein „rotes Tuch“ ist, denn für sie ist der „geweihte“ Priester der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der „Opferpriester“ wie es im Judentum und bei den heidnischen Kulten der Fall war. Das Konzil hingegen bestimmte, dass jeder Teilnehmer am Gottesdienst „nur das und all das tun soll, was ihm aus der Natur der Sache und gemäß den liturgischen Regeln zukommt“(Art. 28), die Feier des Gottesdienstes ist Aufgabe der gesamten versammelten Gemeinde.

Eine weitere Erneuerung betrifft die Fürbitten. Sie sind in allen östlichen Riten selbstverständlich und waren es auch im römischen Ritus bis zum 6. Jahrhundert; vermutlich hat man sie aus Bequemlichkeit weggelassen, ein „Lasset uns beten“ vor der Gabenbereitung war als letzter sinnloser Rest verblieben, denn auf diese Gebetsaufforderung folgte kein Gebet. Den Abschluss der Gabenbereitung, früher „Opferung“ genannt, bildet das Gabengebet, früher „Stillgebet“ genannt, das der Priester auch still für sich sprach. Warum? Das Gebet hieß ursprünglich „Gebet über die (für die Eucharistiefeier) ausgesonderten Gaben; ausgesondert heißt auf Latein „segregata“, daraus wurde ein „secreta“, das man mit „still“ übersetzte, weshalb es ein „Stillgebet“ wurde. Man könnte noch eine Reihe von Beispielen anführen, wo in völligem Widerspruch zur ursprünglichen Bedeutung gehandelt wurde. Den ursprünglichen Sinn wiederherzustellen, hat sich die Erneuerung zum Ziel gesetzt.
Letztlich geht es nicht um bestimmte Riten, sondern um das Priester- und Kirchenverständnis. Im Widerspruch zum Konzil ist für Rom und die konservativ-reaktionären Kreise der Priester der „geweihte Mittler“ zwischen Gott und den Menschen; der durch seine „Weihe“ aus den gewöhnlichen Menschen herausgenommen und nicht ein Glied innerhalb des „priesterlichen Volkes Gottes“ ist, der die Aufgaben der Leitung und der Verkündigung wahrnimmt, einen „Dienst“ an der Gemeinde und nicht eine „Macht“ über die Gemeinde ausübt. Paulus spricht sowohl im Römerbrief Kapitel 12 von den unterschiedlichen Gaben, die den einzelnen Gemeindegliedern geschenkt sind als auch im 1. Korintherbrief Kapitel 12 von den vielfältigen Berufungen der Getauften durch Gott: „die einen als Apostel, die anderen als Propheten, die dritten als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Wunder zu tun, sodann die Gaben, Kranke zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede“, jeder besitzt seine Gabe innerhalb der Gemeinde, die Gabe der Leitung ist eine von vielen (Vers 28).

Kirche ist für diese Kreise nicht das Volk Gottes, dessen Glieder alle „gleiche Rechte und gleiche Würde“ besitzen, wie das Konzil festhielt, sondern eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, eine „hierarchisch gegliederte vollkommene Gesellschaft“ mit einem „hochwürdigen Klerus“, der ausschließlich das Sagen hat, auf der einen Seite und einem „gemeinen Volk“, das den Weisungen des Klerus zu gehorchen hat, auf der anderen Seite. Es passt in diesen Zusammenhang, wenn den Kirchen der Reformation von Rom jetzt der Titel „Kirche“ abgesprochen wird. Nach dem Verständnis der Heiligen Schrift und auch des 2. Vatikanischen Konzils ist Kirche die Gemeinschaft der Glaubenden aufgrund der Taufe, die den Menschen in die Lebens- und Schicksalsgemeinschaft Jesu Christi eingliedert. Kirche ist nach dem Apostel Paulus der „Mystische Leib Jesu Christi“, dessen Glieder wir alle sind und dessen Haupt Christus Jesus ist. Entgegen den römischen Behauptungen hat das Konzil die Kirche nicht mit der römisch-katholischen Konfession identifiziert („est“), sondern nur sagen wollen, dass diese Konfession „Kirche“ ist, jedoch nicht im exklusiven Sinn („subsistit in“). Es zeigt sich wieder, dass entgegen dem Konzil Rom an einer sichtbaren Einheit der Kirchen nichts liegt, es müsste ja auf Macht verzichten, denn keine andere Konfession wäre bereit, den gegenwärtigen Machtanspruch Roms zu akzeptieren. Trotz aller Lippenbekenntnisse von Wiedervereinigung setzt Rom daher lieber in der eigenen Konfession einen totalen absoluten Machtanspruch durch, als auch nur einen Schritt den anderen christlichen Konfessionen entgegen zu kommen. Mit seinen Bestrebungen, dieses Verständnis von Kirche und Amt wieder durchzusetzen, steht Rom aber nicht nur im Widerspruch zum Konzil, sondern auch zum Neuen Testament. Solchen Bestrebungen ist daher um der Wahrheit willen entschieden Widerstand zu leisten.

Univ. Prof. Dr. Franz Nikolasch