St. Leonhard, den 24. Juni 2007


STERNSTUNDEN DER MENSCHHEIT

Unter diesem Titel hat Stefan Zweige eine Reihe von Novellen zusammengefasst, in denen er Ereignisse in der Geschichte der Menschheit schildert, deren Ausgang von entscheidender Bedeutung für deren weiteren Verlauf geworden ist. Wären die geschilderten Ereignisse anders ausgegangen, hätte dies der Geschichte eine andere Richtung gegeben.
Eine derartige Sternstunde war für die katholische Kirche und darüber hinaus für die gesamte Christenheit die in den Jahren 1962 – 65 abgehaltene Kirchenversammlung, besser bekannt unter dem Namen „2. Vatikanisches Konzil“. Für den Großteil der heute Lebenden ist dieses Ereignis, das mehr als 40 Jahre zurückliegt, Vergangenheit, die sie nicht selbst miterlebt haben und die sie kaum mehr interessiert. Aber auch im innerkirchlichen Bereich wird kaum einmal auf dieses Ereignis Bezug genommen. Wer sich aber die Mühe macht, Berichte über die damalige Situation in der katholischen Kirche nachzulesen, oder wer selbst diese Zeit erlebt hat, weiß, dass es eine Zeit des Aufbruchs war. Es war das besondere Charisma des damaligen Papstes Johannes XXIII., das diese Kirchenversammlung möglich machte und auch über seinen allzu frühen Tod zu Pfingsten 1963 weiterhin prägte, auch wenn sich sehr rasch Rückschläge bemerkbar machten. Um die Zielsetzung des Konzils zu veranschaulichen, hat Johannes XXIIII. ein einfaches Beispiel gebracht. Auf eine entsprechende Frage, öffnete er ein Fenster und sagte, frische Luft sollte in die Kirche kommen, das Wehen des Heiligen Geistes sollte wieder spürbar werden. Bei aller Wahrung des unverzichtbaren Glaubensgutes sollte die Kirche von längst überholten verkrusteten Strukturen und von Denkweisen, die dem Mittelalter verhaftet waren, befreit werden und an die Vorstellungen und Erfordernisse der heutigen Zeit und der Menschen von heute herangeführt werden. Stichwort dafür war der Begriff „aggiornamento“, d. h. die Kirche auf den heutigen Stand bringen. In aller Offenheit sollten alle anstehenden Fragen diskutiert und die erforderlichen Reformen beschlossen werden. Ein wesentliches, ja vielleicht das wesentlichste Anliegen dieses Papstes war die Einheit der Christen. Schon im ersten Dokument, das noch zu seiner Zeit erarbeitet worden war, der Liturgiekonstitution, heißt es im Vorwort, das Konzil habe sich zur Aufgabe gesetzt, „zu fördern, was immer zur Einheit aller, die an Christus glauben, beitragen kann, und zu stärken, was immer helfen kann, alle in den Schoß der Kirche zu rufen“. In der Folge haben sich mehrere Dokumente des Konzils ausführlich mit den Beziehungen zu den anderen christlichen Kirchen sowie zu den anderen Religionen befasst. Was die Beziehungen zu den anderen christlichen Kirchen betrifft, so wurde vor allem das Gemeinsame gegenüber dem Unterscheidenden betont. Der bedeutende Theologe Karl Rahner hat dementsprechend vor mehr als 25 Jahren festgestellt, es gebe zwischen der katholischen Kirche und den Kirchen der Reformation keine so gravierende Lehrunterschiede, dass weiterhin ein Getrenntsein notwendig wäre. Er wurde vom damaligen Leiter der römischen Glaubensbehörde, dem gegenwärtigen Papst, wie ein Schulbub abgekanzelt.


Doch schon lange zuvor war Sand in die Räder gelangt und der Nachfolger von Johannes XXIII. hat während des Konzils wiederholt zu Gunsten der Gegner jeder Reform eingegriffen und dem Konzil die Diskussion wichtiger Fragen wie Zölibat und Empfängnisregelung verboten. Die Auswirkungen dieser Verbote müssen wir heute leidvoll erfahren: es gibt kaum noch Priesternachwuchs und das Verbot der Empfängnisverhütung, das dieser Papst im Alleingang verfügte, wird kaum von jemandem akzeptiert und hat dazu geführt, dass Rom auch in anderen moralischen Fragen in der heutigen Gesellschaft nicht mehr ernst genommen wird. Im Übrigen war es das Bemühen der Päpste und ihres Verwaltungsapparates nach dem Konzil möglichst alles wieder rückgängig zu machen: das Konzil war sozusagen ein „Betriebsunfall“, der nie mehr eintreten soll. Schon während des Konzils soll ein römischen Prälat gesagt haben: „Lassen wir die Bischöfe ruhig reden, einmal werden sie schon nach Hause gehen und dann werden wir das Chaos, das sie angerichtet haben, wieder in Ordnung bringen!“ Nicht nur einzelne Amtsträger, sondern das gesamte römische System hat sich mit allen Kräften gegen jede Veränderung zur Wehr gesetzt und alle Reformen torpediert. Inzwischen haben wir in der Kirche teilweise Zustände, die ärger sind als vor dem Konzil und man gewinnt den Eindruck, dass es dem Papst und dem römischen Apparat nur darum geht, die eigenen Machtpositionen zu erhalten und noch weiter auszubauen. Warum muss denn alles in Rom entschieden werden, warum müssen die Bischöfe ausschließlich durch Rom bestellt werden, warum müssen Theologieprofessoren zuerst von Rom genehmigt werden? Warum müssen die im Gottesdienst verwendeten muttersprachlichen Texte von Rom überprüft und erlaubt werden; ginge es nach den Konzilsbestimmungen, wäre dies Aufgabe der Bischofskonferenzen wie vieles andere auch! An die Stelle des biblisch begründbaren „Petrusdienstes“ erleben wir heute eine „Petrusdiktatur“, die jede Initiative zu einer Kirchenreform im Keim erstickt. Es kann deshalb niemanden verwundern, dass immer mehr Katholiken der Amtskirche frustriert den Rücken kehren und in die innere Emigration gehen, wenn nicht überhaupt von dieser Kirche sich verabschieden.
Dabei erleben wir heute sowieso schwierige Zeiten für das religiöse Leben inmitten einer säkularisierten Welt, der nicht nur Christus nichts bedeutet, sondern die auch mit Gott nichts mehr anzufangen weiß. Gerade in einer solchen Situation wäre eine glaubwürdige Kirche gefordert, die den Menschen nachgeht, ihnen Verständnis entgegenbringt und nicht eine Drohbotschaft, sondern eine Frohbotschaft verkündet, eine christliche Kirche, die über alle konfessionellen Unterschiede hinaus um ihre Einheit und Verbundenheit mit Christus und miteinander weiß und dies auch im konkreten Verhalten verwirklicht. 


Was kann eine kleine Gemeinschaft wie wir es sind, tun? Wir können nur versuchen, möglichst glaubhaft den christlichen Glauben durch unser Leben und Verhalten zu bezeugen und vor allem das Gebot der Liebe, das Jesus besonders am Herzen lag und in dem er das ganze Gesetz zusammengefasst sah, zu verwirklichen. In den ersten Jahrhunderten sagte man von den Christen: „Seht, wie sie einander lieben!“ Dies sollte man auch von uns sagen können. Was die Beziehung zur Amtskirche und ihren Repräsentanten betrifft, müssen wir lernen, gegenüber den Entwicklungen, die den Geist des Konzils, den Geist der ständig notwendigen Erneuerung der Kirche verraten und sie in das Mittelalter zurückdrängen wollen, Widerstand zu leisten. Amtsträger kommen und gehen, was bleibt und was uns Mut machen soll in einer Welt wachsender Entfremdung gegenüber den Kirchen und Religionen, ist die Botschaft Jesu Christi, dessen Quintessenz das Gebot der Liebe ist. Dies wünscht Ihnen

Ihr
Dr. Franz Nikolasch

WALLFAHRT DER KIRCHENGEMEINSCHAFT
Die traditionelle Wallfahrt geht am Samstag, 8. September nach Maria Rain in der Nähe von Klagenfurt. Die Wallfahrtskirche liegt über dem Rosental und bietet eine herrliche Aussicht auf das Tal und auf die dahinter liegenden Karawanken. Nach dem Mittagessen machen wir noch einen Besuch in Viktring, einem ma. Zisterzienserkloster, dessen Kirche neben den Fresken besonders wertvolle Glasfenster aus der Gotik aufweist. Abfahrt in St. Leonhard um 7.00 Uhr früh vom Kirchplatz.
Anmeldungen bei Frau Wall, Tel. 724-05.