St. Leonhard, den 28. Dezember  2006

Vor 40 Jahren waren wir schon weiter!

In den Medienberichten zum Besuch des Papstes beim ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel wurde immer wieder die „historische Dimension“ dieser Begegnung der Vertreter von Kirchen, die seit nahezu 1000 Jahren getrennt sind. Es hieß dann auch, dass „die Annäherung an die Orthodoxen für den Papst ganz oben auf seiner Agenda stehe“ (Die Presse 29.11.2006 S. 29). Dabei vergisst man, dass im Dezember 1965 der damalige Patriarch von Konstantinopel Athenagoras I. und der damalige Papst Paul VI. die gegenseitigen Exkommunikationen vom Jahre 1054 widerrufen und damit aufgehoben haben. Wenn diese Exkommunikationen aufgehoben wurden, dann wurde auch theologisch und kirchenrechtlich wieder jener Zustand hergestellt, der vor der Spaltung bestand. Ost- und Westkirche unterschieden sich in ihrer Theologie, Spiritualität, Liturgie, Sprache und Kultur, aber sie waren die eine, katholische und orthodoxe Kirche. Man ging zwar verschiedene Wege, anerkannte sich aber gegenseitig als Teil der einen Kirche Jesu Christi: eins im Wesentlichen, unterschiedlich im Übrigen.

Die Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikation von 1965 hätte im praktischen Umgang miteinander verwirklicht werden müssen. Zwar kamen Paul VI. und Athenagoras I. mehrmals zusammen, geraubte Reliquien wurden an die Ostkirche zurückgegeben, aber sonst blieb es bei schönen Gesten und wortreichen, aber inhaltsleeren Erklärungen; man war vor allem auf Seite Roms nicht bereit, die wieder gewonnene Einheit in die Praxis umzusetzen: Johannes Paul II. errichtete eigene röm. kath. Bischofssitze im Bereich des Patriarchates Moskau und besetzte sie noch dazu mit polnischen Bischöfen. Unter diesem Papst wurde ein römischer Zentralismus und Absolutismus durchgesetzt, wie es ihn nie zuvor in der Kirchengeschichte gegeben hat, die Ortsbischöfe wurden zu römischen Filialleitern degradiert. Diese Entwicklung war sicher kein Beitrag zu einer Verwirklichung der Wiedervereinigung, genauso wenig wie der Umgang Roms mit den sogenannten unierten Kirchen des Ostens. Und wenn nach dem Päpstlichen Jahrbuch 2006 der Bischof von Rom nicht mehr den Titel „Patriarch des Abendlandes“ führt, so ist dies alles andere als ein Beitrag zur Ökumene, denn gerade dieser Titel hielt die Erinnerung an die grundlegende Kirchenstruktur seit den Konzilien des 5. Jahrhunderts (Ephesus, Chalzedon) wach, nämlich an die 5 Patriarchate, die im 1. Jahrtausend die Kirche prägten: Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem. Auf diesem Hintergrund wirkt es geradezu zynisch, wenn „der Vatikan sich vom Verzicht auf diesen Titel einen neuen Schub für den ökumenischen Dialog erwartet“ (Die Presse 29.11.2006 S. 29).
Der eigentlichen Stein des Anstoßes ist doch vielmehr das Verständnis des Vorranges, den der Bischof von Rom in der Kirche einnimmt, in der Form wie dieser vom Vaticanum I. festgelegt wurde, nämlich als universaler Lehr- und Jurisdiktionsprimat, der in der gegenwärtigen römischen Interpretation bis zum Exzess ausgedehnt wird, sodass das grundlegende Prinzip der Kollegialität, d.h. einer Mitverantwortung des Bischofskollegiums für die Gesamtkirche zur Farce wird. Damit werden die Kirchen der Orthodoxie genauso wenig wie alle anderen von Rom getrennten Kirchen sich niemals einverstanden erklären. Umgekehrt ist Rom derzeit nicht bereit, auch nur die leiseste Infragestellung seines absolutistischen Zentralismus zu dulden. 
Wäre der Papst in Rom geblieben und hätte er sich dort bereit erklärt, über die Interpretation des römischen Vorranges mit der Orthodoxie zu reden, die derzeitige römische Praxis also zu hinterfragen, ob und inwieweit sie dem Glaubensgut und der gesamtkirchlichen Tradition entspricht, hätte er mehr erreicht als mit einem pompös aufgezogenen Staatsbesuch mit 16.000 Polizisten und immensen Kosten, von denen wir nicht wissen, wer sie zu tragen hat
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