St. Leonhard, den 10. Juni 2006

St. Leonhard

DER WEG IST DAS ZIEL

So lautet der Werbeslogan einer bekannten französischen Automarke, den man mit Fug und Recht auch auf die heutige Hochkonjunktur der Wallfahrten anwenden kann. Sicher sind Wallfahrten so alt wie die Religionen und gehören zu den wesentlichsten Ausdrucksformen menschlicher Frömmigkeit. Jeder von uns kennt die Bilder von Massen gläubiger Hindus, die sich an den heiligen Stätten Indiens einfinden, oder die Bilder buddhistischer Tibeter, die den heiligen Berg Kailasch umrunden, um nicht zu sprechen von den Millionen Moslems, die sich in Mekka alljährlich einfinden. Man könnte jede Menge weiterer Beispiele aus den verschiedensten Kulturen und Religionen anführen, wo Menschen sich aufmachen und größte Strapazen und Entbehrungen auf sich nehmen, um an heiligen Orten die Nähe der Götter zu erfahren.

Für uns Christen gilt Ähnliches: seit frühesten Zeiten zog es Gläubige an die heiligen Stätten Palästinas, wo Jesus gelebt und gewirkt hat, wo er auch gestorben und auferstanden ist. Aus dem 4. Jh. gibt es einen berühmten Tagebuchbericht einer frommen Frau namens Ätheria aus Westfrankreich, die sich auf die beschwerliche Reise nach Palästina begab, um selbst die in der Hl. Schrift erwähnten Orte aufzusuchen und so unmittelbar diese Erlebnisse zu erfahren. Minutiös beschreibt sie die einzelnen Orte und die dort abgehaltenen Feiern. Im Mittelalter waren die drei wichtigsten Wallfahrtsziele das Heilige Land, Rom und Santiago di Compostella in Spanien. Ganze Pilgerstraßen mit Unterkünften für die durchziehenden Pilger sind entstanden, Klöster, Herbergen und Hospize nahmen sich der Menschen an und boten ihnen Unterkunft und Stärkung auf dem entbehrungsreichen Weg. Heute zeichnet sich eine Renaissance des Wallfahrtswesens ab. Fußwallfahrten erfreuen sich steigender Beliebtheit und gerade der Jakobsweg, der vor einigen Jahrzehnten noch ein Geheimtipp war, ist jetzt „in“, wobei gerade von ihm der Slogan „Der Weg ist das Ziel“ gilt, denn das Ziel des Pilgerweges, das Grab des Apostels Jakobus in Santiago di Compostella, ist mit Sicherheit nicht authentisch, aber dies tut dem Sinn des Jakobsweges keinen Abbruch..
Worum geht es eigentlich bei den Wallfahrten? Zum einen lässt man für eine bestimmte Zeit die alltäglichen Sorgen und Aufgaben zurück, löst sich von ihnen und macht sich so innerlich frei. In der Besinnung auf sich selbst erfährt der Mensch, wie wenig an äußerlichen Dingen eigentlich erforderlich ist, um ausgeglichen und im inneren Frieden leben zu können. Man stellt sich den Fragen nach dem Sinn und dem Ziel des Lebens, woher komme ich und wohin gehe ich, wer bin ich und wozu lebe ich. Solchen Fragen sich zu stellen, tut gut, weil man dann die ach so wichtigen Dinge des Lebens mit größerer Gelassenheit betrachten kann. Dazu kommt oft das Erleben von Gemeinschaft und geistiger Verbundenheit mit gleichgesinnten Menschen. Es tut gut zu wissen, dass man mit seinen Gedanken und Wünschen nicht allein ist. Und schließlich das Ziel der Wallfahrten, Stätten, die religiöse Erinnerungen wachrufen und verlebendigen. Ich denke immer wieder an meine erste Begegnung mit dem Heiligen Land vor mehr als vierzig Jahren: mit der Heiligen Schrift in der Hand wanderte ich von Ort zu Ort, las die jeweiligen Schrifttexte und das, was sie schildern, wurde vor meinem geistigen Auge lebendig: ich erlebte dieselbe Landschaft mit ihren Bergen, Hügeln und staubigen Wegen, wie sie Jesus erlebt hatte und nach ihm unzählige Menschen, die in all den Jahrhunderten auf seinen Spuren gewandelt sind. Seither lese ich die Texte der Heiligen Schrift mit anderen Augen als vorher.
Aber nicht nur das Heilige Land hat seine Anziehungskraft, es muß auch nicht Rom oder Santiago sein, um das Besondere einer Wallfahrt zu erleben, es gibt auch in unserer näheren und weiteren Umgebung viele Stätten, die eine besondere Ausstrahlung besitzen und Ziele von Wallfahrten sind. Es sind Orte, die uns das Geistige und Göttliche nahe bringen können, Orte, die uns zur Erfahrung der eigenen Wirklichkeit hinführen, Orte, die uns Kraft zu geben vermögen, um dann mit den Aufgaben des alltäglichen Lebens wieder besser zurecht zu kommen. Es tut uns allen gut, von Zeit zu Zeit eine solche Erfahrung zu machen. Im Folgenden möchte ich auf die diesjährigen Wallfahrtsziele unserer Kirchengemeinschaft nochmals hinweisen:

MARIA ETTENBERG
Am Donnerstag, 22. Juni, feiern wir um 20 Uhr den Gottesdienst in der Wallfahrtskirche Maria Ettenberg. Treffpunkt ist um 19.15 Uhr am Parkplatz Hinterer Ettenberg. Von dort ziehen wir gemeinsam in Prozession hinauf zur Kirche (Gehzeit ca. 30 Minuten).

CASTELMONTE BEI CIVIDALE
Die traditionelle Wallfahrt der Kirchengemeinschaft geht am 9. September nach Castelmonte, einem Marienwallfahrtsort bei Cividale. Abfahrt am Kirchplatz um 6 Uhr früh, dann geht die Fahrt über die Tauernautobahn bis Udine, von dort weiter nach Cividale. Eine 9 km lange Panoramastraße führt dann hinauf nach Castelmonte, von wo man einen herrlichen Rundblick auf Friaul und auf das angrenzende Slowenien hat. Am Nachmittag besichtigen wir noch die geschichtlich und kulturell bedeutende Stadt Cividale.
Fahrtkosten: € 25.- 
Anmeldungen: Frau Wall Tel. 724-05.

HEILIGES LAND
Die Fahrt nach Israel in der Zeit vom 20. bis 28. Oktober ist aufgrund der bisher eingelangten Anmeldungen gesichert, da die erforderliche Mindestanzahl an Teilnehmern erreicht wurde. Was die Sicherheitslage betrifft, so führt die Fahrt nur zu Orten, die einen hohen Standard an Sicherheit bieten; außerdem ist aufgrund der politischen Entwicklung in den kommenden Monaten eher mit einer allgemeinen Entspannung zu rechnen.
Informationen am Schriftenstand in der Kirche, Anmeldungen bei Frau Wall Tel. 724-05.

HUBERTUSKAPELLE
Vor rund 30 Jahren wurde die Hubertuskapelle gemeinsam mit der Grödiger Jägerschaft oberhalb von St. Leonhard errichtet. Inzwischen haben an den Außenmauern geringfügige Feuchtigkeitsschäden ergeben. Sie werden im Verlaufe der nächsten Wochen behoben, sodass die Bausubstanz der Kapelle für kommende Jahrzehnte gesichert ist.

Abschließend wünsche ich Ihnen allen erholsame Urlaubstage und einen schönen (nicht verregneten) Sommer!

Ihr
Dr. Franz Nikolasch