KIRCHE QUO VADIS?

Das II. Vatikanische Konzil und die Zukunft der Kirche
Franz Nikolasch


Vor 50 Jahren, am 11. Oktober 1962 fand die feierliche Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils im Petersdom statt. Es war der Beginn jener großen katholischen Kirchenversammlung, die nach dem Willen des damaligen Papstes Johannes XXIII. für die Kirche ein „aggiornamento“, ein „Auf den heutigen Tag-Bringen“ sollte. Was der Papst darunter verstand, hat er in seiner Eröffnungsansprache deutlich gemacht: „Es ist nicht unsere Sache, gleichsam in erster Linie einige Hauptpunkte der kirchlichen Lehre zu behandeln und die Lehre der Väter wie der alten und neuen Theologen weitläufig zu wiederholen, denn Wir glauben, dass Ihr diese Lehren kennt und sie Eurem Geist wohlvertraut sind. Denn für solche Disputationen muss man kein Ökumenisches Konzil einberufen. Heute ist es wahrhaftig nötig, dass die gesamte christliche Lehre ohne Abstriche in der heutigen Zeit vor allem durch ein neues Bemühen angenommen werde. Heiter und ruhigen Gewissens müssen die überlieferten Aussagen, die aus den Akten des Tridentinums und des 1.Vatikanums hervorgehen, daraufhin genau geprüft und interpretiert werden. Es muss, was alle ernsthaften Bekenner des christlichen, katholischen und apostolischen Glaubens leidenschaftlich erwarten, diese Lehre in ihrer ganzen Fülle und Tiefe erkannt werden, um die Herzen vollkommener zu entflammen und zu durchdringen. Ja, diese sichere und beständige Lehre, der gläubig zu gehorchen ist, muss so erforscht und ausgelegt werden, wie unsere Zeit es verlangt. Denn etwas anderes ist das „depositum fidei“ oder die Wahrheiten, die in der zu verehrenden Lehre enthalten sind, und etwas anderes ist die Art und Weise, wie sie verkündet werden, freilich im gleichen Sinn und derselben Bedeutung…. Die Kirche hat den Irrtümern zu allen Zeiten widerstanden, oft hat sie diese auch verurteilt, manchmal mit großer Strenge. Heute dagegen möchte die Braut Christi lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden als die Waffe der Strenge erheben. Sie glaubt, es sei den heutigen Notwendigkeiten angemessener, die Kraft ihrer Lehre ausgiebig zu erklären, als zu verurteilen…. Die sichtbare Einheit in der Wahrheit hat aber leider die gesamte christliche Familie noch nicht in Vollendung und Vollkommenheit erreicht. Daher sieht es die katholische Kirche als ihre Pflicht an, alles Erdenkliche zu tun, damit das große Mysterium jener Einheit erfüllt werde, die Christus Jesus am Vorabend seines Opfertodes von seinem himmlischen Vater mit glühenden Gebeten erfleht hat.“ Hinter dieser etwas blumigen Sprache verbergen sich Aussagen von einer ungeheuren Sprengkraft für das Verständnis und die Aufgaben der Kirche. Aussagen, die in der Geschichte wiederholt getätigt wurden als Aufruf zu einer umfassenden Erneuerung der Kirche „an Haupt und Gliedern“ wie es immer wieder formuliert worden war, Aufforderungen, die von der obersten Kirchenleitung schroff zurückgewiesen wurden und mit dem Kirchenausschluß derer endeten, die sie aufgestellt hatten, ob es sich um Luther, Calvin, Zwingli oder andere Reformatoren handelte oder um den Reformkatholizismus am Anfang des 20. Jahrhunderts, der als „Modernismus“ abgeurteilt wurde und dessen Repräsentanten als „Häretiker“ aus der Kirche hinausgemobbt wurden, unter ihnen auch der Jugendfreund des Papstes Ernesto Buonaiuti. Verurteilungen, die die Kirche immer stärker ins Abseits der Gesellschaft führten, sie als „hinterwäldlerisch“, bigott und lebensfremd, primitiv und fortschrittsfeindlich sowie gegen Vernunft und Verstand eingestellt erscheinen ließen. Demgegenüber setzt der Papst auf eine radikale Erneuerung der Kirche, die der heutigen Gesellschaft, die eben nicht mehr die des Mittelalters ist, auf Augenhöhe begegnen soll. Dementsprechend soll ihr gesamtes Erscheinungsbild bis hin zu den Ausdrucksformen der Glaubenswahrheiten dem heutigen Welt- und Menschenbild angepasst werden, unter voller Wahrung des eigentlichen Inhalts der Glaubensaussagen, die letztlich auf der Botschaft Jesu Christi und dem Zeugnis der apostolischen Kirche beruhen. Dieses Fundament, und dieses allein ist die unverzichtbare Grundlage unseres Glaubens und alles, was sich später entwickelt hat, muss auf den Prüfstand, ob und inwieweit es der heutigen Zeit, dem heutigen Menschen und den Erfordernissen der Zukunft entspricht. Dazu kommt das eindringliche Bemühen des Papstes, die sichtbare Einheit aller Christen zu verwirklichen, das gemeinsame Glaubensgut aller christlichen Kirchen und die durch die Taufe bereits gegebene Einheit auch nach außen hin zu verwirklichen.

Es war Johannes XXIII. nicht vergönnt, diese Ziele zu verwirklichen, aber trotz aller Widerstände der reaktionären, konservativen Kreise, die sich vorwiegend im Umfeld der römischen Kurie zum Kampf gegen das Konzil vereint hatten und sich in vielen Bereichen des Wohlwollens und der Unterstützung durch den nachfolgenden Papst Paul VI. erfreuten, gelang es doch der überwiegenden Mehrheit der Konzilsväter in den Dokumenten des Konzils wichtige Weichenstellungen zu fixieren, die es den kommenden Generationen ermöglichen sollten, gegen alle Widerstände die Erneuerung der Kirche, ihr „aggiornamento“ weiter zu führen.

Es seien im Folgenden nur die wichtigsten Dokumente in Erinnerung gerufen. Den Anfang machte die Liturgiekonstitution, die nicht nur eine umfassende Reform aller liturgischen Feiern in Auftrag gab, sonden auch grundlegende Aussagen zum Verständnis des christlichen Gottesdienstes machte. Er ist immer Dialog zwischen Gott und dem Menschen, der durch Jesus Christus vermittelt wird. Wie der Hebräerbrief sagt, ist er der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen, der einzige Hohepriester des Neuen Bundes: durch ihn wirkt Gott das Heil des Menschen, durch ihn wendet sich die Gemeinde an Gott im Lobpreis, in der Danksagung und in der Bitte. Einen menschlichen Mittler in Gestalt eines „Kultpriesters“ braucht es nicht, denn alle, die durch die Taufe mit Christus verbunden sind, haben auch an seinem Priestertum Anteil, es ist das gemeinsame Priestertum aller Getauften. In diesem Dialog liegt die Initiative immer auf Seiten Gottes, der Mensch ist immer der Antwortende. Im vorkonziliaren Verständnis lag die Initiative auf Seiten des Menschen, der im „Kult“ durch seine Verdienste und Leistungen Gott gewissermaßen in Zugzwang bringt, dementsprechend stand nicht der Dank im Mittelpunkt, sondern die Bitte. Aus dem Dialogcharakter der Liturgie ergibt sich die Forderung nach ihrer Verständlichkeit für die Gemeinde, sowohl hinsichtlich der Sprache als auch der Zeichen und Handlungen.

Eines der wichtigsten Dokumente des Konzils befasst sich mit dem Selbstverständnis der Kirche und greift wichtige Vorgaben des Dokuments über die Erneuerung des Gottesdienstes auf. Kirche ist nicht in erster Linie die Hierarchie, sondern das Volk Gottes, der Mystische Leib Jesu Christi, an dem alle Glieder sind, aber nur einer das Haupt ist, Jesus Christus. Wie die Glieder am menschlichen Leib unterschiedliche Funktionen und Aufgaben haben, so gilt dies auch vom Mystischen Leib des Herrn. Trotz der unterschiedlichen Aufgaben und Dienste besitzen alle die gleiche Würde und die gleichen Rechte. Ein besonders umstrittenes Thema war die Frage einer Mitverantwortung des Gesamtkollegiums der Bischöfe in der Leitung der Kirche. Unmittelbar vor der Abstimmung über diese Frage wurde den Konzilsteilnehmern eine „Vorbemerkung“ übermittelt, in der ihnen die „höhere Autorität“, so wurde der Papst durch die Kurienvertreter umschrieben, mitteilte, in welchem Sinn diese Kollegialität zu verstehen sei, nämlich im Sinne der konservativen Minorität. Es war dies nicht der einzige, wohl aber der folgenschwerste Eingriff des Papstes in die Konzilsfreiheit. Weitere schwerwiegende Eingriffe waren das Verbot einer Diskussion über das Zölibatsgesetz in der Westkirche wie auch einer Diskussion über die Methoden einer Empfängnisregelung.

Entscheidende Bedeutung kommt den Dokumenten zu, die sich mit dem Verhältnis zu den anderen christlichen Kirche, zu den anderen Religionen und schließlich zur Religionsfreiheit überhaupt befassen. Was das Verhältnis zu den anderen christlichen Kirchen betrifft, so wird das Gemeinsame aufgrund der Taufe in den Mittelpunkt gerückt, ferner die Berechtigung unterschiedlicher Sichtweisen bezüglich der Glaubenswahrheiten und unterschiedlicher Traditionen, sodass alle voneinander lernen können und kein Recht haben, das Anderssein als solches schon als Abfall von der Wahrheit zu betrachten. Schon im Dokument über die Kirche war gesagt worden, dass die katholische Kirche keinen Exklusivanspruch als Kirche Jesu Christi vertritt, sondern anerkennt, dass auch in den getrennten Kirchen die Kirche Jesu Christi verwirklicht ist

Was das Verhältnis zu den anderen Religionen betrifft, so war durch die Jahrhunderte hindurch die Beziehung zum Judentum besonders belastet. Geradezu revolutionär ist entsprechend den Aussagen des Apostels Paulus im Römerbrief (Kap. 9 – 11) die Anerkennung der besonderen Berufung des Volkes Israel, aus dem Jesus hervorging und dem nach wie vor in der Heilsgeschichte eine besondere Rolle zukommt. Gegenüber allen Religionen vertritt das Konzil die Anerkennung und Respektierung ihrer freien Ausübung aufgrund der Gewissensfreiheit, die jedem Menschen zukommt. Vergleicht man dies mit dem Verhalten der katholischen Kirche in der Vergangenheit gegenüber Andersgläubigen, dann kann man die fundamentalen Veränderungen ermessen. Das letzte große Dokument befasst sich mit der Beziehung der Kirche zur heutigen Gesellschaft. Der Grundtenor dieses Dokumentes kommt bereits im Einleitungssatz zum Ausdruck: „Freude und Hoffnung, Bedrängnis und Trauer der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Bedrängnis der Jünger Christi“. Die Kirche solidarisiert sich mit der heutigen Gesellschaft und allem, was heute den Menschen bewegt. Verschiedenste Themen werden behandelt, eines der wichtigsten war das Thema Ehe und Familie, wobei die Ehe nicht wie vor dem Konzil als eine rein rechtliche Angelegenheit mit gegenseitigen Rechten und Pflichten gesehen wird, sondern als eine ganzheitliche personale Beziehung, die von der Liebe getragen und geprägt ist; es handelt sich um einen Bund, den Mann und Frau miteinander schließen. Was die Eheziele betrifft, so hat das Konzil eindeutig die Auffassung zurückgewiesen, dass das vorrangige Ziel allein die Weitergabe des Lebens sei, dem alle anderen Zielsetzungen untergeordnet sind. Es anerkennt die Gleichrangigkeit und Gleichwertigkeit des ehelichen Aktes als Ausdruck der gegenseitigen Liebe, auch wenn durch Empfängnisverhütung die Weitergabe des Lebens ausgeschlossen wird. Vor einem Verbot der Methodenwahl warnte Kardinal Suenens, einer der bedeutendsten Konzilsteilnehmer, mit den Worten: „Ich beschwöre euch, Brüder, vermeiden wir einen neuen Galileiprozess. Einer hat der Kirche genügt!“ Das Konzil folgte dieser Mahnung, eine konkrete Stellungnahme zu dieser Frage wurde ihm jedoch vom Papst verwehrt, der im Widerspruch zum Konzil und zur überwiegenden Mehrheit der von ihm zum Studium dieser Fragen berufenen Kommissionen mit der sogenannten „Pillenenzyklika“ das Gegenteil verfügte, mit allen Folgen, die zu einem totalen Autoritäts- und Glaubwürdigkeitsverlust der Kirchenleitung in allen Fragen der Sexualmoral führte.

Es war fatal, dass nach dem Konzil die Kurie und mit ihr die Päpste zwar immer wieder sich mit Lippenbekenntnissen auf das Konzil beriefen, in Wirklichkeit aber es bekämpften und die Kirche wieder zurück, wenn möglich bis ins Mittelalter führen wollten. Bezeichnend dafür ist die Aussage eines Vertreters der römischen Kurie während des Konzils, die Kardinal Suenens (Belgien) in seinem berühmten Interview zur Lage der Kirche im Jahre 1969 zitierte: „Lassen wir die Bischöfe ruhig reden, einmal werden sie schon nach Hause gehen und dann werden wir, die wir hier bleiben, die Verheerungen, die sie angerichtet haben, wieder in Ordnung bringen“. Dieser Satz kennzeichnet sehr gut, was Rom, die Kurie und die Päpste seit dem Konzil in ihrem Handeln prägt. Dies wird wohl auch in Zukunft so bleiben.

Kirche quo vadis?

In den nächsten Jahrzehnten wird in unserem Land wie in ganz Europa die Kirche, wie überhaupt die christliche Religion mehr und mehr ihre dominierende Rolle in der Gesellschaft verlieren, das kann man angesichts der wachsenden Verluste an religiöser Bindung oder auch nur Nähe der jungen Generationen heute schon sagen. Vor 50 Jahren sprach man noch von den religiösen Großmüttern, die ihren Enkelkindern christlichen Glauben vermittelten; sie sind längst gestorben und die Großmütter von heute haben überwiegend kaum religiöses Wissen und christlichen Glauben nur mehr in Spurenelementen, was können sie da noch weitergeben? So werden die Christen immer mehr zu einer Minderheit, entweder im Sinne einer geschwisterlichen Gemeinschaft, die sich an der Botschaft Jesu Christi und am Leben der apostolischen Gemeinde orientiert oder einer fanatischen, autoritär geführten Sekte mit allen dazu gehörenden Elementen. Ich hoffe auf eine Kirche im erstgenannten Sinn, befürchte aber zugleich aufgrund der gegenwärtigen Entwicklungen das zweitgenannte. Ich hoffe auf eine geschwisterliche Kirche aller Christen ohne Unterschied der Konfessionen, eine Kirche, die um ihre Einheit aufgrund der gemeinsamen Taufe weiß und diese Einheit auch im gemeinsamen Mahl der Eucharistiefeier zum Ausdruck bringt. Ich hoffe auf eine Kirche, in der die konfessionellen Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern im Sinne des Konzils als Bereicherung des eigenen Glaubensverständnisses erkannt werden. Ich hoffe auf eine geschwisterliche Kirche im Sinne des Apostels Paulus, der von den vielen verschiedenen Gliedern am Leibe Christi spricht, von denen keines sich über die anderen erheben kann und einer allein das Haupt ist, nämlich Christus Jesus, neben dem es kein „Oberhaupt“ braucht, ja nicht einmal geben darf. Ich hoffe auf eine geschwisterliche Kirche, die ernst nimmt, dass allen Gliedern gleiche Rechte und gleiche Würde zukommen, es keine „heilige Herrschaft“, keine Hierarchie gibt, sondern jedes Glied, ob Mann oder Frau, entsprechend seinen Fähigkeiten sich für das Leben der Gemeinschaft einsetzt und der Dienst der Gemeindeleitung ein Dienst unter vielen anderen ist, wie Paulus sagt, und dass auch dieser Dienst wirklich Dienst an der Gemeinde und nicht Herrschaft über die Gemeinde ist, entsprechend dem Wort des Herrn: „Der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende“ (Lk 22,26). Das Konzil hat dementsprechend die Aufgaben der Amtsträger als „Dienst“ und nicht als „Macht“ bezeichnet. Wenn in unseren Tagen trotz aller Bitten und Gebete der Priestermangel immer größer wird und immer mehr Aufgaben der sogenannten „geweihten Priester“ bis hin zur Spendung von Sakramenten und zur Leitung von Gottesdienstfeiern von sogenannten „Laien“ übernommen werden, so mag dies ein Fingerzeig Gottes sein, dass wir die uns indoktrinierte Vorstellung von einer Kirche als „hierarchisch geordneter vollkommener Gesellschaft“ aufgeben müssen. Einziger Priester des ntl. Bundesvolkes ist Jesus Christus und an seinem Priestertum haben alle Anteil, die durch die Taufe in seine Lebensgemeinschaft aufgenommen sind. Ich hoffe auf eine Kirche, in der die vergebende Liebe Gottes und Jesu Christi gegenüber allen, innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft bezeugt und gelebt wird, in der niemand diskriminiert und aus der Mahlgemeinschaft ausgeschlossen wird und in der für alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Neigungen und Veranlagungen Platz ist, mit einem Wort, in der Christi Botschaft als Vermächtnis und Auftrag erkannt und gelebt wird. Mag dann eine solche geschwisterliche Kirche auch eine Minderheit sein, so kann sie doch zum Sauerteig und zum Licht auf dem Leuchter für die Gesellschaft werden.

Was ich befürchte

Dass diese in den Konzilstexten angelegte und grundgelegte Erneuerung der Kirche nach bewährter Manier abgewürgt wird, dass die Kirche zu einer straff organisierten Sekte mit absoluter Gehorsamsverpflichtung aller gegenüber einer absolutistisch und diktatorisch regierenden Autorität, ähnlich etwa den Zeugen Jehovas und anderen sektiererischen Gruppierungen wird, nur dass die autoritär regierende Zentrale nicht in den USA, sondern in Rom liegt und dass hier wie dort jede Abweichung von der „reinen Lehre“, mag diese auch noch so lebensfremd und unbiblisch sein, als Abfall und Verrat geahndet wird. Ich fürchte eine Kirche, in der mit fadenscheinigen Argumenten unter Berufung auf selbsternannte Autoritäten jede Veränderung abgeblockt wird, eine „priesterliche Kaste“ mit rigoroser Über- und Unterordnung die Herrschaft ausübt und alle übrigen Mitglieder als „rechtlose und unmündige Laien“ betrachtet. Ich fürchte eine Kirche, deren oberste Leitung in ihren totalitären Machtansprüchen sich nicht auf die Botschaft Jesu Christi und die Kirche der Apostel berufen kann, sondern deren Machtansprüche in einer frühmittelalterlichen Fälschung der römischen Kurie, der sogenannten „Konstantinischen Schenkung“ ihren Ursprung haben, die dem römischen Bischof die universale Macht und Herrschaft über den ganzen Erdkreis zusprach, sowohl im weltlichen wie auch im religiösen Bereich, eine Fälschung, die von den Päpsten des Mittelalters als legitime Grundlage ihrer Macht- und Herrschaftsansprüche gegenüber Kaisern und Königen verstanden wurde; sie wurde zwar zu Beginn der Neuzeit als Fälschung erkannt, hat aber dennoch bis heute ihre Auswirkungen im Verständnis des universalen Lehr- und Jurisdiktionsprimates des Papstes.

Welche Kirche wird es in Zukunft geben? Die angeführten Befürchtungen prägen das Denken und Verhalten der gegenwärtigen Kirchenleitung, die angeführten Hoffnungen prägen immer stärker das Leben der Gemeinden. Wenn ein altes Sprichwort seine Richtigkeit hat, dass Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann, dann darf man „wider alle Hoffnung“ hoffen, dass die Kirche in Zukunft zwar eine Minderheit in der Gesellschaft Europas sein wird, aber nicht als eine selbst genügsame, einen Absolutheitsanspruch vertretende autoritär geleitete Sekte, sondern als eine geschwisterliche Gemeinde, die durch ihr Leben Zeugnis für die frohe und befreiende Botschaft Jesu Christi ablegt und so zum Sauerteig für die gesamte Gesellschaft wird.