KIRCHE IM JAHRE 2062 – EINE VISION

Franz Nikolasch


50 Jahre sind ein langer Zeitraum, wenn man in die Zukunft blickt, ein kurzer, blickt man in die Vergangenheit, in das Jahr 1962. Es war der Beginn der großen katholischen Kirchenversammlung des 2. Vatikanischen Konzils, das nach dem Willen des damaligen Papstes Johannes XXIII. für die Kirche ein „aggiornamento“, ein „Auf den heutigen Tag-Bringen“ sollte. Was der Papst darunter verstand, hat er in seiner Eröffnungsansprache am 10. Oktober 1962 deutlich gemacht: „Es ist nicht unsere Sache, gleichsam in erster Linie einige Hauptpunkte der kirchlichen Lehre zu behandeln und die Lehre der Väter wie der alten und neuen Theologen weitläufig zu wiederholen, denn Wir glauben, dass Ihr diese Lehren kennt und sie Eurem Geist wohlvertraut sind. Denn für solche Disputationen muss man kein Ökumenisches Konzil einberufen. Heute ist es wahrhaftig nötig, dass die gesamte christliche Lehre ohne Abstriche in der heutigen Zeit vor allem durch ein neues Bemühen angenommen werde. Heiter und ruhigen Gewissens müssen die überlieferten Aussagen, die aus den Akten des Tridentinums und des 1.Vatikanums hervorgehen, daraufhin genau geprüft und interpretiert werden. Es muss, was alle ernsthaften Bekenner des christlichen, katholischen und apostolischen Glaubens leidenschaftlich erwarten, diese Lehre in ihrer ganzen Fülle und Tiefe erkannt werden, um die Herzen vollkommener zu entflammen und zu durchdringen. Ja, diese sichere und beständige Lehre, der gläubig zu gehorchen ist, muss so erforscht und ausgelegt werden, wie unsere Zeit es verlangt. Denn etwas anderes ist das „depositum fidei“ oder die Wahrheiten, die in der zu verehrenden Lehre enthalten sind, und etwas anderes ist die Art und Weise, wie sie verkündet werden, freilich im gleichen Sinn und derselben Bedeutung…. Die Kirche hat den Irrtümern zu allen Zeiten widerstanden, oft hat sie diese auch verurteilt, manchmal mit großer Strenge. Heute dagegen möchte die Braut Christi lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden als die Waffe der Strenge erheben. Sie glaubt, es sei den heutigen Notwendigkeiten angemessener, die Kraft ihrer Lehre ausgiebig zu erklären, als zu verurteilen…. Die sichtbare Einheit in der Wahrheit hat aber leider die gesamte christliche Familie noch nicht in Vollendung und Vollkommenheit erreicht. Daher sieht es die katholische Kirche als ihre Pflicht an, alles Erdenkliche zu tun, damit das große Mysterium jener Einheit erfüllt werde, die Christus Jesus am Vorabend seines Opfertodes von seinem himmlischen Vater mit glühenden Gebeten erfleht hat.“ Hinter dieser etwas blumigen Sprache verbergen sich Aussagen von einer ungeheuren Sprengkraft für das Verständnis und die Aufgaben der Kirche. Aussagen, die in der Geschichte wiederholt getätigt wurden als Aufruf zu einer umfassenden Erneuerung der Kirche „an Haupt und Gliedern“ wie es immer wieder formuliert worden war, Aufforderungen, die von der obersten Kirchenleitung schroff zurückgewiesen wurden und mit dem Kirchenausschluss derer endeten, die sie aufgestellt hatten, ob es sich um Luther, Calvin, Zwingli oder andere Reformatoren handelte oder um den Reformkatholizismus am Anfang des 20. Jahrhunderts, der als „Modernismus“ abgeurteilt wurde und dessen Repräsentanten als „Häretiker“ aus der Kirche hinausgemobbt wurden, unter ihnen auch der Jugendfreund des Papstes Ernesto Buonaiuti. Verurteilungen, die die Kirche immer stärker ins Abseits der Gesellschaft führten, sie als „hinterwäldlerisch“, bigott und lebensfremd, primitiv und fortschrittsfeindlich sowie gegen Vernunft und Verstand eingestellt erscheinen ließen. Demgegenüber setzt der Papst auf eine radikale Erneuerung der Kirche, die der heutigen Gesellschaft, die eben nicht mehr die des Mittelalters ist, auf Augenhöhe begegnen soll. Dementsprechend soll ihr gesamtes Erscheinungsbild bis hin zu den Ausdrucksformen der Glaubenswahrheiten dem heutigen Welt- und Menschenbild angepasst werden, unter voller Wahrung des eigentlichen Inhalts der Glaubensaussagen, die letztlich auf der Botschaft Jesu Christi und dem Zeugnis der apostolischen Kirche beruhen. Dieses, und dieses allein ist die unverzichtbare Grundlage unseres Glaubens und alles, was später sich entwickelt hat, muss auf den Prüfstand, ob und inwieweit es der heutigen Zeit, dem heutigen Menschen und den Erfordernissen der Zukunft entspricht. Dazu kommt das eindringliche Bemühen des Papstes, die sichtbare Einheit aller Christen zu verwirklichen, das gemeinsame Glaubensgut aller christlichen Kirchen und die durch die Taufe bereits gegebene Einheit auch nach außen hin zu verwirklichen.

Es war Johannes XXIII. nicht vergönnt, dieses Ziel zu verwirklichen, aber trotz aller Widerstände der reaktionären, konservativen Kreise, die sich vorwiegend im Umfeld der römischen Kurie zum Kampf gegen das Konzil vereint hatten und sich in vielen Bereichen des Wohlwollens und der Unterstützung durch den nachfolgenden Papst Paul VI. erfreuten, gelang es doch der überwiegenden Mehrheit der Konzilsväter in den Dokumenten des Konzils wichtige Weichenstellungen zu fixieren, die es den kommenden Generationen ermöglichen sollten, gegen alle Widerstände die Erneuerung der Kirche, ihr „aggiornamento“ weiter zu führen. Es war aber fatal, dass die Kurie und mit ihr die Päpste zwar immer wieder sich auf das Konzil beriefen, in Wirklichkeit aber es bekämpften und die Kirche wieder zurück, wenn möglich bis ins Mittelalter führen wollten. Bezeichnend dafür ist die Aussage eines Vertreters der römischen Kurie während des Konzils, die Kardinal Suenens (Belgien) in seinem berühmten Interview zur Lage der Kirche im Jahre 1969 zitierte: „Lassen wir die Bischöfe ruhig reden, einmal werden sie schon nach Hause gehen und dann werden wir die Verheerungen, die sie angerichtet haben, wieder in Ordnung bringen“. Dieser Satz bezeichnet sehr gut, was Rom, die Kurie und die Päpste seit dem Konzil in ihrem Handeln prägt. Dies wird wohl auch in Zukunft so bleiben.

Worauf ich hoffe

In 50 Jahren wird in unserem Land wie in ganz Europa die Kirche, wie überhaupt die christliche Religion nicht mehr eine dominierende Rolle in der Gesellschaft spielen, das kann man angesichts der wachsenden Verluste an religiöser Bindung oder auch nur Nähe der jungen Generationen sagen. Vor 50 Jahren sprach man noch von den religiösen Großmüttern, die ihren Enkelkindern christlichen Glauben vermittelten; sie sind längst gestorben und die Großmütter von heute haben überwiegend kaum religiöses Wissen und christlichen Glauben nur mehr in Spurenelementen, was können sie da noch weitergeben? So werden die Christen in 50 Jahren eine Minderheit bilden, entweder im Sinne einer geschwisterlichen Gemeinschaft, die sich an der Botschaft Jesu Christi und am Leben der apostolischen Gemeinde orientiert oder einer fanatischen, autoritär geführten Sekte mit allen dazu gehörenden Elementen. Ich hoffe auf eine Kirche im erstgenannten Sinn, befürchte aber zugleich aufgrund der gegenwärtigen Entwicklungen das zweitgenannte. Ich hoffe auf eine geschwisterliche Kirche aller Christen ohne Unterschied der Konfessionen, eine Kirche, die um ihre Einheit aufgrund der gemeinsamen Taufe weiß und diese Einheit auch im gemeinsamen Mahl der Eucharistiefeier zum Ausdruck bringt. Ich hoffe auf eine Kirche, in der die konfessionellen Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern im Sinne des Konzils als Bereicherung des eigenen Glaubensverständnisses erkannt werden. Ich hoffe auf eine geschwisterliche Kirche im Sinne des Apostels Paulus, der von den vielen verschiedenen Gliedern am Leibe Christi spricht, von denen keines sich über die anderen erheben kann und einer allein das Haupt ist, nämlich Christus Jesus, neben dem es kein „Oberhaupt“ braucht, ja nicht einmal geben darf. Ich hoffe auf eine geschwisterliche Kirche, die ernst nimmt, dass allen Gliedern gleiche Rechte und gleiche Würde zukommen, es keine „heilige Herrschaft“, keine Hierarchie gibt, sondern jedes Glied, ob Mann oder Frau, entsprechend seinen Fähigkeiten sich für das Leben der Gemeinschaft einsetzt und der Dienst der Gemeindeleitung ein Dienst unter vielen anderen ist, wie Paulus sagt, und dass auch dieser Dienst wirklich Dienst an der Gemeinde und nicht Herrschaft über die Gemeinde ist, entsprechend dem Wort des Herrn: „Der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende“ (Lk 22,26). Das Konzil hat dementsprechend die Aufgaben der Amtsträger als „Dienst“ und nicht als „Macht“ bezeichnet. Wenn in unseren Tagen trotz aller Bitten und Gebete der Priestermangel immer größer wird und immer mehr Aufgaben der „geweihten Priester“ bis hin zur Spendung von Sakramenten und Leitung von Gottesdienstfeiern von sogenannten „Laien“ übernommen werden, so mag dies ein Fingerzeig Gottes sein, dass wir die uns indoktrinierte Vorstellung von einer Kirche als „hierarchisch geordneter vollkommener Gesellschaft“ aufgeben müssen. Einziger Priester des ntl. Bundesvolkes ist Jesus Christus allein und an diesem Priestertum haben alle Anteil, die durch die Taufe in seine Lebensgemeinschaft aufgenommen sind. Ich hoffe auf eine Kirche, in der die vergebende Liebe Gottes und Jesu Christi gegenüber allen, innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft bezeugt und gelebt wird, in der niemand diskriminiert und aus der Mahlgemeinschaft ausgeschlossen wird und in der für alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Neigungen und Veranlagungen Platz ist, mit einem Wort, in der Christi Botschaft als Vermächtnis und Auftrag erkannt und gelebt wird. Mag dann eine solche geschwisterliche Kirche auch eine Minderheit sein, so kann sie doch zum Sauerteig und zum Licht auf dem Leuchter für die Gesellschaft werden.

Was ich befürchte

Dass diese in den Konzilstexten angelegte und grundgelegte Erneuerung der Kirche nach bewährter Manier abgewürgt wird, dass die Kirche zu einer straff organisierten Sekte mit absoluter Gehorsamsverpflichtung aller gegenüber einer absolutistisch und diktatorisch regierenden Autorität, ähnlich etwa den Zeugen Jehovas und anderen sektiererischen Gruppierungen wird, nur dass die autoritär regierende Zentrale nicht in den USA, sondern in Rom liegt und dass hier wie dort jede Abweichung von der „reinen Lehre“, mag diese auch noch so lebensfremd und unbiblisch sein, als Abfall und Verrat geahndet wird. Ich fürchte eine Kirche, in der mit fadenscheinigen Argumenten unter Berufung auf selbsternannte Autoritäten jede Veränderung abgeblockt wird, eine „priesterliche Kaste“ mit rigoroser Über- und Unterordnung die Herrschaft ausübt und alle übrigen Mitglieder als „rechtlose und unmündige Laien“ betrachtet. Ich fürchte eine Kirche, deren oberste Leitung in ihren totalitären Machtansprüchen sich nicht auf die Botschaft Jesu Christi und die Kirche der Apostel berufen kann, sondern deren Machtansprüche in einer frühmittelalterlichen Fälschung der römischen Kurie, der sogenannten „Konstantinischen Schenkung“ ihren Ursprung haben, die dem römischen Bischof die universale Macht und Herrschaft über den ganzen Erdkreis zusprach, sowohl im weltlichen wie auch im religiösen Bereich, eine Fälschung, die von den Päpsten des Mittelalters als legitime Grundlage ihrer Macht- und Herrschaftsansprüche gegenüber Kaiser und Königen verstanden wurde und zwar zu Beginn der Neuzeit als Fälschung erkannt, dennoch bis heute ihre Auswirkungen im Anspruch auf den universalen Lehr- und Jurisdiktionsprimat des Papstes hat.

Welche Kirche wird es in 50 Jahren geben? Die angeführten Befürchtungen prägen das Denken und Verhalten der gegenwärtigen Kirchenleitung, die angeführten Hoffnungen prägen immer stärker das Leben der Gemeinden. Wenn ein altes Sprichwort seine Richtigkeit hat, dass Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann, dann darf man „wider alle Hoffnung“ hoffen, dass die Kirche in 50 Jahren zwar eine Minderheit in der Gesellschaft Europas sein wird, aber nicht als eine selbst genügsame, einen Absolutheitsanspruch vertretende autoritär geleitete Sekte, sondern als eine geschwisterliche Gemeinde, die durch ihr Leben Zeugnis für die frohe und befreiende Botschaft Jesu Christi ablegt und so zum Sauerteig für die gesamte Gesellschaft wird.