Priesterlose Eucharistiefeier?

Franz Nikolasch

Die Vertreter der Amtskirche werden nicht müde, immer wieder zu betonen, dass es nach katholischer Lehre keine Eucharistiefeier ohne den „geweihten Priester“ geben kann und dass jede andere Auffassung Abfall vom wahren Glauben sei. Auf der anderen Seite nehmen sie bedenkenlos in Kauf, dass angesichts des immer größeren selbstverschuldeten Priestermangels Gemeinden keine sonntägliche Eucharistiefeier haben und ihnen damit die zentrale Feier des christlichen Glaubens vorenthalten wird. Als Ersatz finden bestenfalls Wortgottesdienste, neuerdings „Wortgottesfeiern“ genannt, mit Kommunionausteilung statt. Zur Erinnerung: in den Märtyrerakten afrikanischer Christen des 3. Jahrhunderts heißt es: „Wir können ohne die Feier des sonntäglichen Herrenmahles nicht leben!“ Eucharistiefeier als Gedächtnis von Tod und Auferstehung des Herrn ist die Mitte und der Höhepunkt des christlichen Gottesdienstes. Dementsprechend hat das Kirchenrecht auch die „Sonntagspflicht“, d. h. die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier vorgesehen und eingeschärft.

Dass die Behauptungen der kirchlichen Hierarchen in ihrer apodiktischen Formulierung nicht stimmen und dass es sehr wohl die Möglichkeit einer Eucharistiefeier ohne „geweihten Priester“ gibt, zeigt ein Text des 2. Vatikanischen Konzils. Im Dekret über die Einheit der Christen  heißt es im Artikel 22, Absatz 3: „Obgleich bei den von uns getrennten Kirchlichen Gemeinschaften die aus der Taufe hervorgehende volle Einheit mit uns fehlt und obgleich sie nach unserem Glauben vor allem wegen des Fehlens des Weihesakramentes die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, bekennen sie doch bei der Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung des Herrn im Heiligen Abendmahl, dass hier die lebendige Gemeinschaft mit Christus bezeichnet werde, und sie erwarten seine glorreiche Wiederkunft.“ Der Text setzt sich mit den Kirchen der Reformation auseinander, bei denen nach Auffassung der Konzilsväter das „Weihesakrament“ nicht gegeben sei, ihre Amtsträger nicht gültig ordiniert seien. Trotz dieser Einschätzung spricht das Konzil diesen Kirchen nicht generell die Wirklichkeit der Eucharistie ab, sondern nur die „ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit“, zu der die Leitung der Feier durch einen gültig ordinierten Priester gehört. Die Konsequenz aus dieser Feststellung des Konzils: ist aus welchen Gründen auch immer eine Gemeinde ohne gültig ordinierten Priester versammelt, um das Gedächtnis des Herrn in der Feier des Mahles zu begehen, so ist ihr dennoch nicht die Wirklichkeit der Eucharistie verwehrt, wenn sie entsprechend dem Auftrag und Vermächtnis des Herrn diese Feier begeht.

Diese Sicht des Konzils unterscheidet sich fundamental von der vorkonziliaren Auffassung, dass nur der „geweihte Priester“ die „Konsekrationsgewalt“ besitzt, kraft der er mit den „Wandlungsworten“ das Brot in den Leib des Herrn  und den Wein in das Blut des Herrn „verwandelt“. Der Priester verfügt kraft seiner Weihe allein über das Mysterium der Gegenwärtigung des Herrn in den Zeichen von Brot und Wein. Die Sicht der Kirchen des Ostens ist eine andere. Für sie steht nicht allein der Einsetzungsbericht im Mittelpunkt des Eucharistischen Hochgebetes, sondern vor allem die Bitte, die der Priester im Namen der Gemeinde an Gott richtet, er möge seinen Geist auf die Gaben von Brot und Wein herabsenden, damit sie durch ihn geheiligt und so Leib und Blut des Herrn werden. Nicht menschliche Worte und Handlungen sind entscheidend, sondern das von der Gemeinde erbetene Wirken Gottes in seinem Geist. Die Liturgieerneuerung nach dem Konzil hat diese Sicht sich zu eigen gemacht und in den neuen Hochgebeten dieser Geistbitte einen besonderen Stellenwert verliehen. Übrigens im ältesten Hochgebet der ostsyrischen Liturgie, dem „Hochgebet von Addai und Mari“, das von Mesopotamien und Persien aus im ganzen Osten Verbreitung fand, war ursprünglich überhaupt kein Einsetzungsbericht enthalten, wohl aber die an Gott gerichtete Bitte, sein Geist möge auf die Gaben und auf die Gemeinde herabkommen. In der Kirche des Altertums war die Frage, wann und wie die Heiligung der Gaben zustande kommt, unbekannt. Das Eucharistiegebet in seiner Gesamtheit als Gebet, das der Vorsteher im Namen der Gemeinde an Gott richtet, war das Gebet der Danksagung und der Heiligung. So sah es auch die Grundordnung der erneuerten Messfeier. Auf Verlangen der Glaubenskongregation musste jedoch der Überschrift „Einsetzungsbericht“ das Wort „Konsekration“ hinzugefügt werden.

Im Konzilstext wird darauf hingewiesen, dass die Kirchen der Reformation im Heiligen Abendmahl die Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung der Herrn begehen. Auch in der Liturgiekonstitution wird die Eucharistiefeier als Gedächtnis von Tod und Auferstehung des Herrn bezeichnet. Dies entspricht dem Auftrag des Herrn beim Letzten Abendmahl, als er den Seinen auftrug, dieses Mahl zu seinem Gedächtnis zu begehen. Die Evangelisten gehen in ihrer Schilderung davon aus, dass die Deuteworte des Herrn über Brot und Wein im Rahmen des jüdischen Pessahmahles gesprochen wurden, das die Juden zum Gedächtnis des Auszugs aus Ägypten begehen und das eine Gegenwärtigung dieses Erlösungsgeschehens durch das Gedächtnis in Worten und Handlungen bewirkt. So heißt es in der Pessahliturgie: „Nicht unsere Vorfahren allein hat der Heilige, gepriesen sei er, erlöst, sondern mit ihnen hat er auch uns erlöst, wie es heißt: uns hat er von dort hinweggeführt, um uns hierher zu bringen und uns das Land zu geben, welches er unseren Vätern zugeschworen hat“. Im semitischen Denken ist Gedächtnis nie Erinnerung an längst Vergangenes, sondern dessen Gegenwärtigung. Für die christliche Gemeinde tritt an die Stelle des Exodus-Gedächtnisses das Gedächtnis Jesu Christi, seines Todes und seiner Auferstehung. Wenn Jesus sagt. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, dann gilt dies auch von einer Gemeinde, die –mit oder ohne „geweihten Priester“- sich versammelt, um das Gedächtnis des Herrn in der Feier des Mahles zu begehen.

Von einer Kirchenleitung, für die nicht Machtdenken und Engstirnigkeit im theologischen Denken im Mittelpunkt stehen, sondern für die das Heil der Gläubigen entscheidend ist („salus animarum suprema lex“), wäre zu erwarten, dass sie sich ernsthaft mit diesen Fragen auseinandersetzt und priesterlosen Gemeinden, denen –aus welchen Gründen auch immer- ein ordinierter Vorsteher verwehrt ist, eine Eucharistiefeier ohne ordinierten Vorsteher ermöglicht und gestattet, die zwar nicht „die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit“ beinhaltet, aber dennoch Eucharistiefeier ist.