Pfarrgemeinderäte - Hoffnung für die Kirche

Von FRANZ NIKOLASCH

Im kommenden Monat März finden in Österreich die Wahlen für die Pfarrgemeinderäte statt. Die Begeisterung vergangener Jahrzehnte ist weitgehend verflogen und es wird immer schwieriger, engagierte Katholiken für diese Mitarbeit und Mitverantwortung in den Pfarren zu finden, zu groß ist die Enttäuschung und Frustration über den restaurativen Kurs der Kirchenleitung, durch den der Aufbruch des Konzils rückgängig gemacht wird. Dennoch macht das Engagement in den Gemeinden Sinn, ja ist entscheidend für die Zukunft der Kirche.

Eine der epochalen Leistungen des letzten Konzils bestand sicher in der Rückbesinnung auf das ursprüngliche biblische Verständnis von Kirche als einer Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, die nur einen einzigen Herrn kennen, nämlich Jesus Christus. Schon die Liturgiekonstitution, das erste bedeutende Dokument des Konzils, machte dies deutlich, da sie Gottesdienst als Werk Jesu Christi und seiner Kirche verstand, wobei alle Glieder dieser Kirche in je eigener Art bei den liturgischen Feiern mitwirken. Ganz besonders gilt dies von der Eucharistiefeier, die als Feier der gesamten versammelten Gemeinde verstanden wird, bei der jeder all das und nur das tun soll, was ihm zukommt. Nicht mehr der „geweihte Priester" bringt das „Messopfer als unblutige Erneuerung des blutigen Kreuzesopfers Christi" dar, sondern die Gemeinde in ihrer Gesamtheit feiert unter der Leitung des Priesters das Gedächtnis des Herrn im Mahl, das er den Seinen als Vermächtnis aufgetragen hatte.

In gleicher Weise hat dann die Kirchenkonstitution die Kirche als das Gottesvolk und als den Mystischen Leib Jesu Christi gesehen, bei dem die einzelnen Glieder zwar unterschiedliche Aufgaben haben, alle aber Glieder sind, während Jesus Christus das Haupt ist. Bei der Vorbereitung dieses Dokuments war ursprünglich die hierarchische Gliederung der Kirche betont worden. Hatte das 1. Vatikanische Konzil sich mit der Rolle des Papstes befasst und die unglückseligen Dogmen über den Lehr- und Jurisdiktionsprimat des Papstes einschließlich seiner Unfehlbarkeit verabschiedet, so sollte nunmehr von den Bischöfen, dann den Priestern und den Ordensleuten und schließlich von den „Laien" gesprochen werden. Im definitiven Text wurde sozusagen diese Pyramide auf den Kopf gestellt und in den beiden ersten Kapiteln über das Gemeinsame aller Glieder der Kirche gesprochen, nämlich die gleiche Würde und die gleichen Rechte aller Getauften, das gemeinsame Priestertum aller als Teilhabe am Priestertum Jesu Christi.

Von diesem erneuerten Kirchenbild, das dem des Neuen Testaments und vor allem der Paulusbriefe entspricht, ist auch das Verständnis des Pfarrgemeinderates als Ausdruck der Mitverantwortung aller Glieder der Gemeinde für deren Leben und Entwicklung zu verstehen. Man kann sagen, dass durch die vielfältigen Aktivitäten der Pfarrgemeinderäte heute weitgehend wieder das verwirklicht wird, was Paulus von seinen Gemeinden sagte: „Wir, die vielen, sind ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören. Wir haben ünterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade. Hat einer die Gabe prophetischer Rede, dann rede er in Übereinstimmung mit dem Glauben, hat er die Gabe des Dienens, dann diene er. Wer zum Lehren berufen ist, der lehre, wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken, wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein, wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig" (Röm 12,5-8). In die heutige Situation übertragen gilt dies für die Aufgaben der Sorge für die Kranken und Hilfsbedürftigen, für die Vorbereitung und Gestaltung der Gottesdienste, für die Sorge um Kinder und Jugendliche, für die Aufgaben der Weltmission und der Ökumene.

Vielfältig sind die Aufgaben, vielfältig das Engagement der einzelnen Glieder der Gemeinschaft, repräsentiert im Pfarrgemeinderat. An die Stelle einer klerikalen Versorgungskirche ist eine Gemeinschaft eigenverantwortlicher, selbständiger und mündiger Christen getreten.

Was sich heute in unserer Kirche abspielt, ist geradezu eine Ironie der Geschichte. Auf der einen Seite wird die restaurative Kirchenleitung, für die das Konzil nur ein Betriebsunfall war, nicht müde, die besondere Rolle des „geweihten Priesters" zu betonen. Man denke nur an die Gründonnerstagsbriefe des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. oder an die Zitate des gegenwärtigen Papstes aus den Schriften des Pfarrers von Ars über die einzigartige Stellung und die besonderen „Gewalten", die dem katholischen Priester kraft seiner „Weihe" zukommen, er allein besitzt die „Konsekrationsgewalt", durch die er die „Wandlung" vollzieht und Christus in die Brothostie hineinzwingt, er allein besitzt die „Absolutionsgewalt", kraft der er den Menschen Sünden vergeben kann, er allein ist gewissermaßen der Mittler zwischen Gott und den Menschen und besitzt eine besondere Würde, die ihn über alle andere Christen erhebt. Auf der anderen Seite werden immer mehr seiner Aufgaben von „nichtgeweihten" Gemeindegliedern wahrgenommen bis hin zu seinen Kernkompetenzen von Verkündigung und Gemeindeleitung. Im Bereich der Verkündigung ist dank der theologischen Bildung vieler „Nichtpriester" das klerikale Monopol längst Vergangenheit. Was die Gemeindeleitung betrifft, so gilt Ähnliches, de facto leiten „Laien" Gemeinden, nur dürfen sie nicht als solche bezeichnet werden. Was noch als Domäne priesterlichen Wirkens geblieben ist, ist der Bereich der Sakramentenspendung und der Leitung der Eucharistiefeier. Aber auch da muss man sagen, dass sowohl die Taufe als auch die kirchliche Trauung und erst recht das kirchliche Begräbnis keineswegs die Mitwirkung eines Priesters erfordern, die Krankensalbung wurde bis ins Mittelalter von den Angehörigen einem Kranken gespendet und bezüglich des Bußsakramentes haben noch die großen Theologen des Mittelalters gesagt, dass der Pönitent bereits gerechtfertigt zum Sakrament hinzutritt, in welchem er mit der Kirche versöhnt wird. Was die Eucharistiefeier anlangt, so ist sie eine Feier der Gemeinde, die das Gedächtnis des Herrn im Mahl begeht, das der Herr den Seinen aufgetragen hat. Das Konzil hat in einer Aussage über das Abendmahl in den Kirchen der Reformation deutlich gemacht, dass diese Feier zwar nicht die „ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit" der Eucharistie wegen des nach Auffassung des Konzils fehlenden Amtes besitzt, aber dennoch Eucharistiefeier ist. Gleiches muss auch für eine Feier katholischer Christen ohne Amtsträger gelten.

Wenn die Amtskirche weiterhin an ihren Zulassungsbedingungen für den priesterlichen Dienst festhält und dadurch immer mehr Gemeinden ohne eigenen Priester sein werden, dann werden die Pfarrgemeinderäte in Zukunft nicht mehr nur die bisherigen Aufgaben wahrnehmen, sondern auch neue Aufgaben übernehmen müssen, Aufgaben, die nach dem bisherigen Verständnis dem Priester vorbehalten waren. Man kann dieser Entwicklung auch viel Gutes abgewinnen. Ein altes Sprichwort sagt, dass Gott selbst auf krummen Zeilen gerade schreiben kann. Die heutige Entwicklung mit einem wachsenden Priestermangel und einer wachsenden Verantwortung der Pfarrgemeinderäte führt zu eine Rückbesinnung auf das Gemeindeverständnis der Paulusbriefe: „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur einen Gott. Er bewirkt alles in allen. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt" (1 Kor 12,4-7).

(erschienen in "Kirche In", 1. Februar 2012)